Filter Bubble – mit Scheuklappen durchs Internet 1

Analysen

Filter Bubble – mit Scheuklappen durchs Internet 1

Vor ziemlich genau eineinhalb Jahren schrieb ich hier einen Beitrag anlässlich des neuen, revolutionären social Media Dienstes Google Wave. Das an sich ist nicht weiter erwähnenswert, denn selbst die Mini Disc dürfte noch mehr Menschen im Gedächtnis geblieben sein als dieses Projekt von Google. Hauptthema des Artikels war dann aber auch nicht der Dienst selbst, sondern eine Diskussion die er neu angestoßen hatte und die sich um die generelle Informations- bzw. Datenüberflutung drehte, die im Internet im allgemeinen und in sozialen Diensten im speziellen stattfinden würde. Das Fazit damals war grob gesagt, dass es zwar offensichtlich eine Überflutung ungeordneter Daten gegeben hatte, dass aber in absehbarer Zeit Strategien entwickelt werden würden um diese zu ordnen und brauchbare Informationen zu erhalten. “Filter werden kommen” schrieb ich damals.
Nun sind Filter da. Und es hat seit einiger Zeit eine neue Diskussion begonnen, die sich darum dreht, dass die Nutzer von Google, Facebook und Co durch eben diese Filter bevormundet werden würden. Macht das Sinn? – Ja, macht es.
Dass Filtermöglichkeiten notwendig sind, dürfte jedem einleuchten. Die Frage ist nur, wie sollen diese funktionieren? Das Stichwort heiß Personalisierung. Sie ist Fluch und Segen zu gleich.

Wie Facebook mit personalisierten Filtern für seine Nutzer entscheidet

Vorreiter der personalisierten Filterung von Informationen ist Amazon. Dort merkt man sich schon lange was die Kunden kaufen oder sich ansehen, um dann beim nächsten Besuch der Seite Kaufvorschläge zu machen. Das ist allseits bekannt, meistens auch akzeptiert, da es ja durchaus einen gewissen Nutzen bringt. Dass es zum Geschäftsmodell von sozialen Netzwerken gehört personalisierte Werbung anzubieten, ist ebenfalls seit längerem bekannt, in der Öffentlichkeit ebenfalls akzeptiert (wenngleich es sehr viel umstrittener ist  als die personalisierte Werbung von Amazon).
Ein ähnlicher Weg der Personalisierung wird nun offenbar von den Internet Giganten im Hinblick auf die Filterung der normalen Datenmengen gegangen, um sie auf ein brauchbares Maß zu reduzieren. Mehr oder weniger unbemerkt von Nutzer und der Öffentlichkeit hat zum Beispiel Facebook einen Filter in den News Feed eingebaut. Der merkt sich mit wem man häufig kommuniziert, welche Seiten man anklickt etc. und irgendwann erkennt der Filter diese Freunde und Seiten für relevant bzw. interessant für den User und filtert alles andere heraus, sodass man nur noch die Meldungen derjenigen Kontakte erhält, mit denen man häufig kommuniziert. Das klingt auf den ersten Blick sinnvoll. Aber nur auf den ersten.

Das erste Problem besteht in der Transparenz. Wie vorher schon erwähnt: kaum jemand weiß das. Wann wurde damit  begonnen? ich weiß es nicht. Es wird sicher nicht so schwer sein das herauszufinden, der Punkt ist nur, dass es eindeutig nicht bekannt gemacht und eingeführt wurde. Es war irgendwann einfach da. Viele Facebook Nutzer dürften sich wundern, warum dieser oder jener Bekannte kaum noch etwas schreibt. Und noch wenigern ist wohl bekannt, dass sie den neuen Filter, der sich praktischerweise automatisch selbst als Standard gesetzt hat, ausschalten können. Das klingt schon ein bisschen nach Bevormundung, wenn einem ohne Hinweis darauf ein Filter vor die Nase gesetzt wird.

Ein weiteres Problem liegt in der Filterung selbst. Denn wenn ich herausgefunden habe, dass es diesen Filter gibt, habe ich kaum Möglichkeiten etwas dagegen zu tun. Das setzt natürlich voraus, dass es mir nicht gefällt,  nur noch die Neuigkeiten zu erhalten, von denen ein Algorithmus, den ich nicht einmal persönlich kenne, denkt, dass sie für mich wichtig bzw. interessant sind. Sicher, ich kann ihn einfach ausschalten, aber dann krieg ich eben den ganzen Müll angezeigt, den ich dann doch wieder nicht will. Bleiben mir noch die Privatsspäre Einstellungen, aber die sind nicht wirklich als Filter zu bezeichnen. Hier kann ich lediglich blockieren, und bekomme eben gar nichts mehr von bestimmten Kontakten, Spielen, Seiten angezeigt. Zumindest in dem Punkt, dass hier offenbar Facebook Kontakte, Beziehungen und Informationen für mich bewertet, könnte man ebenfalls von Bevormundung sprechen. Denn ich entscheide nicht mehr selbst, was für mich interessant oder gar wichtig ist. Allerdings gibt es weiterhin die Freiheit sich dem zu entziehen. Mit unangenehmen Nebeneffekten.

Ein drittes Problem liegt in der Funktion Facebooks als soziales Netzwerk. Personalisierte Informationen können helfen die passenden Hinweise zu Produkten oder Aktivitäten zu meinen Interessen und Bedürfnissen zu erhalten. Das ist durchaus nützlich. Allerdings ist ein soziales Netzwerk wie Facebook vielmehr als eine reine Konsumplattform. Das macht den Einsatz von automatisch personalisierenden Filtern problematisch. Hierauf soll jedoch erst in den einem späteren Teil dieser Serie genauer eingegangen werden.

Nach dem man bis hierher gelesen hat könnte man einwenden, hier von Bevormundung zu reden sei übertreiben. Ist es in diesem Fall vielleicht auch. Vielleicht ist der Facebook Filter ja nur noch nicht ausgereift und man kann ihn eines Tages selbst einstellen. Vielleicht aber auch nur, denn personalisierte Filter gibt es nicht nur bei Facebook. Auch Google wendet dieses System an. Wie es dort aussieht, was das ganze mit der Zukunft des Internets und Demokratie zu tun hat und was es mit den Scheuklappen und der “Filter Bubble” ( und was das überhaupt ist) auf sich hat, kann hier bald in den weiteren Teilen gelesen werden. Zur Vorbereitung und denjenigen, die es nicht abwarten können empfehle ich dieses Video eines Vortrags von Eli Pariser – es handelt sich übrigens um einen Mann -, der zu den maßgeblichen Kritikern personalisierter Filter zu zählen ist.

Diskussion

4 Kommentare zu “Filter Bubble – mit Scheuklappen durchs Internet 1”

  1. [...] ersten Teil dieser Artikelserie ging ich auf die zunehmende Personalisierung der Internetangebote ein. [...]

    Posted by Mit Scheuklappen durchs Internet – gefangen in der “Filter Bubble”? Teil 2 | buildblog | Mai 3, 2011, 08:15
  2. [...] Artikelserie ging ich auf die zunehmende Personalisierung  ein. Dazu betrachtete ich exemplarisch im ersten Teil der Serie Facebook und Google in Teil zwei. Obwohl das nun schon etwas her ist möchte ich heute in [...]

    Posted by Filter Bubble – mit Scheuklappen durchs Internet 3 | buildblog | Juli 2, 2011, 20:46
  3. [...] riesig und täglich kommen neue hinzu. Bei der Suche nach Informationen sind wir Menschen auf Filter angewiesen um in dem grenzenlosen Informationsangebot überhaupt themenrelevante Seiten zu finden. [...]

    Posted by Seosweet Blog | Einleitung zur Suchmaschinenoptimierung – kurz SEO | Juli 12, 2011, 15:13
  4. [...] Ansatz wird bisweilen sehr kritisch gesehen. Ich selbst habe im April eine Artikelserie zu diesem Thema geschrieben und bin insbesondere auf die Kritik von Eli Pariser an der Personalisierung in Internet [...]

    Posted by Seosweet Blog | Individualisierung von Suchergebnissen | Dezember 22, 2011, 15:54

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