Google Wave macht keine Angst vor dem Internet

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Google Wave macht keine Angst vor dem Internet

Google Wave macht keine Angst vor dem Internet

One of the diseases of this age is the multiplicity of books; they doth so overcharge the world that it is not able to digest the abundance of idle matter that is every day hatched and brought forth into the world.

Dieser Satz von Barnaby Rich aus dem Jahr 1613 verdeutlicht einmal mehr, dass Kritik an neueren Medien vermutlich so alt ist, wie die Medien selbst.
Der Artikel, der nun folgt handelt von Googles neuester Innovation Google Wave, aber nur im großen Rahmen, eigentlich geht es nämlich um etwas anderes.
Google Wave sorgt seit kurzem für angeregte Diskussionen in der Web-Gemeinde. Ist es sinnvoll, oder ist es das nicht? Bringt es Vorteile oder ist es die Ausgeburt der Unproduktivität?
Alles was ich zu dem Dienst schreiben möchte ist, dass es sich um den Versuch handelt, die Webaktivitäten der Menschen an einem Ort und vor allem in Echtzeit zusammenzufassen. Email, Instant Messenging, Datei- und Fotoaustausch, sowas wie Twitter und so weiter. Alles in einem. Man kann sehen was seine Freunde und Kollegen in dem gemeinsamen Dokument verändert haben, kann vor und zurückspulen und vieles mehr. Genauer kann und möchte ich jetzt nicht darauf eingehen, denn erstens habe ich keinen GoogleWave Account und zweitens geht es hier ja eigentlich um was anderes.
Google hat nämlich die Welle bis hin zu Spiegel-online gemacht (ich entschuldige mich hiermit öffentlich für dieses Wortspiel). Nun war der dort erschienene Artikel leider angeblich nicht sehr positiv und das nicht nur gegenüber Googles neuem Dienst, sondern gegenüber der Entwicklung im Internet allgemein. Da wird der amerikanische Blogger Robert Scoble zitiert, der der Meinung ist, dass Google Wave „den größten Nachteil von E-Mail und Instant Messaging miteinander verbindet“ und das sei „Unproduktivität“ und ganz allgemein sagt Spiegel Online: „De facto aber tut das Internet das gleiche wie jedes neue Informations- und Kommunikationsmedium seit Erfindung der Keilschrift – es nimmt mehr Zeit, Aufmerksamkeit und damit Energie in Anspruch, als es freisetzt.“
Vor allem an der letzten Aussage stößt sich Marcel Weiss von Netzwertig. Er hält sie für kompletten Unsinn. Das nimmt er auch zum Anlass zu behaupten, dass es einen so genannten Informations Overload verursacht durch das Internet nicht geben würde. Hier geht die Angst vor einer gesellschaftlichen Innovationsphobie um, die Innovationsphobiephobie.
Meiner Meinung nach gibt es einen Informationsoverload, eine zu große Flut an Informationen. Ich störe mich allerdings daran, das dann als Informationsflut zu bezeichnen, ich möchte lieber den Begriff Datenüberflutung benutzen. Denn eine Datenflut gibt es ohne Zweifel durch das Internet. Die ganzen Daten müssen erst mal verarbeitet werden, um daraus Informationen zu gewinnen. Welche Daten sind wichtig für mich? Welche nicht? Welche Information suche ich? All das sind die Aufgaben von Filtern. Unsere mühsam erlernten und entwickelten Filter für die älteren Medien funktionieren nicht, deswegen müssen neue her.

Das ist genauso bei der Bibliothek von Alexandria der Fall gewesen. Denn wenn mir irgendwo eine Bibliothek mit ganz vielen Büchern hingestellt wird, dann sehe ich sie und die vielen Bücher (Daten), kann daraus aber nur die Information ziehen: Da steht eine Bibliothek mit ganz vielen Büchern.

Wenn ich mir jetzt vornehme in dieser Bibliothek die ungeordnet und nicht katalogisiert ist nach „Informationsoverload“ zu suchen, dann werde ich verzweifeln und sagen, das sind doch viel zu viele Bücher. Bis ich die alle gelesen habe… Darum gibt es Kataloge, Inhaltsverzeichnisse,  Rezensionen, Zeitschriften usw..
Wie das Zitat zu Anfang des Artikels zeigt, hat es schon immer Angst vor neuen Medien gegeben. Es ist im Übrigen so, dass diese negativen Stimmen gegenüber dem Internet relativ gering geblieben sind, verglichen zum Beispiel mit den Untergangsbefürchtungen nach Einführung des Fernsehens. (ich tue mal wissenschaftlich und sage dass man das nachlesen kann unter:  Neuberger, Christoph: Medien als Diskursprodukte. Die Selbstthematisierung neuer und alter Medien in der Medienöffentlichkeit. In: Ders. (Hrsg.): Alte Medien – Neue Medien, Wiesbaden 2005, S.81.)
Der oft gescholtene Informationsoverload, der in Wirklichkeit nur die veralteten Filter aufzeigt, ist also weder ein neues Phänomen noch als besonders schlimm zu werten. Mir ist zwar kein Medium bekannt, das so schnell neue Entwicklungen und Möglichkeiten gebracht hat wie das Internet, dennoch glaube ich, dass die Menschen damit umzugehen lernen. Leider ist es ja so, dass Probleme meistens erst einmal auftreten müssen, um bemerkt und behoben zu werden.
So könnte man es also auch bei Google Wave sehen. Wenn also selbst die sogenannten Pioniere – in der Regel Spezialisten, mindestens aber Internetaffine -  überfordert sind, dann führt das dazu, dass es entweder Verbesserungen geben wird oder, dass sich das Produkt nicht durchsetzt, sondern ein anderes, das bessere Dienste leistet. Selbst wenn das zur Zeit nicht besonders chic zu sein scheint, vertraue ich hier also auf den Marktmechanismus.

Filter werden kommen. So kann das Potential der Universalanwendungen wie Google Wave dann auch wirklich ausgenutzt werden. Google Wave ist ja eben auch ein Versuch die Datenflut zu beherrschen, in dem man nämlich alles an einem Ort zur Verfügung stellt. Allerdings ist es ja auch noch in der Betaphase, wir werden sehen was dann nachher dabei rauskommt. Wie ich schon einmal berichtet habe, könnten auch soziale Netzwerke wie Facebook auch dazu beitragen die Daten an einem Ort zusammenzuführen und zu für den Nutzer brauchbaren Informationen umzuwandeln. Ich bin gespannt, ob Google Wave sich eines Tages durchsetzen wird, oder etwas anderes.

Letztlich reden wir hier momentan ohnehin über ein Klientel-Problem für Spezialisten. Denn mal ehrlich, bis die breite Masse so etwas wie Google Wave benutzt wird noch viel Wasser den Rhein runterfließen. Bis dahin sollten erstens die technischen Filter weit genug sein und zweitens wird bis dahin auch die absolut notwendige Kompetenz im Umgang mit diesen neuen Medien weit genug entwickelt sein, hoffentlich. In den sozialen Netzwerken wie StudiVZ, Facebook etc. klappt das ja mittlerweile auch immer besser (das ist zumindest mein Eindruck). Immerhin haben schon 34% der Deutschen einen Account in einem solchen Portal.
Den deutschen eine generelle Innovationsphobie zu unterstellen finde ich im Übrigen nicht gut, zumal Marko ja hier auch schon darüber berichtet hat, dass dies keinesfalls so ist. Angst vor neuem gibt es überall. Unsinnig finde ich es allerdings wenn man, wie auf mrtopf.de geschehen, die Phobie unterstellt und am Ende desselben Artikels sagt: „Sicherlich werden neue Ideen sehr schnell geboren, aber sicherlich muss man auch nicht auf jeden Zug sofort aufspringen.“

Das würde ich  sofort unterschreiben.

Der Artikel von Spiegel Online ist denn auch gar nicht so negativ. Er beschreibt nur die herrschenden Probleme, sagt aber nicht, dass man die Ursachen, also das Internet, bekämpfen, sondern damit umzugehen lernen muss. Diese Lernzeit ist dann wohl auch der Zeitverlust, den ein neues Medium mit sich bringt, bevor es die Produktivität hochgradig steigern kann.
Zum Schluss möchte ich Richtung Netzwertig noch sagen: Es gibt eine Internetinduzierte Informations- bzw. Datenüberflutung. Punkt!
Das ist aber ja nicht schlimm. Wenn ich in einem trockenen Land wohne in dem es nie regnet und irgendwann kommt eine Zeit in der sich das Klima verändert und es mehr regnet, dann freue ich mich über das Wasser und die Ernten. Aber gleichzeitig gibt es auch Hochwasser. Deswegen werde ich jedoch nicht versuchen den Regen zu verhindern, sondern Dämme bauen. Zu Diskutieren, ob der Regen nun Schuld ist an der Flut oder die fehlenden Dämme, ist meiner Meinung nach Unsinn. Es ist der Regen.

Diskussion

Ein Kommentar zu “Google Wave macht keine Angst vor dem Internet”

  1. [...] ziemlich genau eineinhalb Jahren schrieb ich hier einen Beitrag anlässlich des neuen, revolutionären social Media Dienstes Google Wave. Das an sich ist nicht [...]

    Posted by Mit Scheuklappen durchs Internet – gefangen in der “Filter Bubble”? Teil 1 | buildblog | April 14, 2011, 11:54

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