Die deutsche Web-Gründerszene steht zum Teil massiv in der Kritik. Zu ängstlich, zu uninspiriert, zu regional. Da wird gemeinsam mit dem Kopf geschüttelt, wenn mal wieder jemand den nächsten Klon eines erfolgreichen, internationalen Formats initiiert, der wieder nur auf den nationalen Markt zugeschnitten ist. Sicherlich ist die Kritik in diesem Fall berechtigt – wer braucht schon die 250te Partnerbörse oder das 5000te soziale Netzwerk? Angesichts des Erfolges dieser Plagiate, offenbar mehr Menschen als gemeinhin angenommen wird.
Dabei sollte allerdings nicht außer acht gelassen werden, dass die Urheber dieser Kopien eventuell nur ihrem Hobby frönen und gar kein Geld damit verdienen wollen. Zumindest anfänglich. Dies ändert sich unter Umständen, wenn die Kosten zum Betrieb des Hobbies ausufern.
Das Problem der Startupszene im globalen Internet ist mehrschichtig:
Eine große Anzahl von Usern ist nur etwas Wert, wenn sich mit ihr auch Geld verdienen lässt. Und das ist im virtuellen Leben genau wie in der Realität eben nicht so einfach. Schon gar nicht bei der „Im Internet ist alles umsonst“-Mentalität, die sich viele User angeeignet haben. Daher geht die Gründerszene hier zu Lande den richtigen Weg und wendet sich häufig zunächst an gewerbliche Kunden. Diese sind zwar schwieriger zu bedienen, da fast jeder ein auf ihn zugeschnittenes Produkt haben möchte, dafür sind Unternehmen aber durchaus bereit vergleichsweise ordentlich zu bezahlen. Wer sich im deutschsprachigen Markt behauptet, sammelt nicht nur wichtige Erfahrungen sondern auch Kapital um als nächstes auch international zu wachsen.
Das ist dann das Ergebnis einer Langzeitstrategie. Zugegeben, seit dem Platzen der IT-Blase 2001 hat es kein deutsches Gründerunternehmen an die Weltspitze geschafft. Doch die Voraussetzungen dafür sind gerade in Deutschland sehr schwierig. Politik und Rechtsprechung haben schon einige erfolgversprechende Konzepte be- und verhindert. Zudem scheitert der Schritt zum Global-Player häufig an der Sprachbarriere. Der deutschsprachige Markt ist eben nur eine Nische. Viele Programmierer schrecken aber schon vor Kundenkontakt in ihrer Muttersprache zurück. Dafür leistet man sich lieber Support-Mitarbeiter. Supporter, die fließend deutsch und englisch sprechen und denen man vertrauen will / kann, sind aber wiederum kostspielig und wachsen auch nicht auf Bäumen. Daher beschränken sich viele Unternehmen auf den deutschen Markt, auch auf die Gefahr hin, dass ein Global-Player in eben diesen Markt expandiert. Dann bleiben nur wenige Möglichkeiten. Die Eleganteste ist, dass man an den großen Player verkauft. Die Anstrengendste ist, dagegen zu halten. Die Wirtschaftlichste ist, diese Entwicklung früh genug zu erkennen und sich rechtzeitig neuen Tätigkeitsfeldern zu zu wenden.
Kommen wir zurück zu den privaten Usern. In diesem Bereich stimmt bei den sozialen Netzwerken wahrscheinlich das Prinzip”the winner takes it all.” Da ist ein deutschsprachig ausgerichtetes Portal selbstredend im Hintertreffen gegenüber einem Englischsprachigen, denn die Masse macht’s dann eben aus. Dennoch bleibt hier die für Unternehmen alles entscheidende Frage „Wie kann ich mit privaten Usern Geld verdienen?“ Immer mehr Mittel zu verbrennen hat schon Lehman Brothers nicht gerettet. Es ist niemandem gedient, wenn ein Unternehmen heute sagt: „Wir haben die meisten User.“ und morgen „Wir sind leider pleite.“ Hingegen hat die Aussage: „Wir schreiben schwarze Zahlen.“, in der Wirtschaft einen beinahe unwiderstehlichen Klang. Das ist eben, worauf es ankommt. Unternehmen mit schwarzen Zahlen oder einer guten Aussicht auf Gewinne bekommen auch Kredite oder venture capital.
Um ein Produkt oder eine Geschäftsidee zu testen ist ein Nischenmarkt die richtige Spielwiese. So bekommt man relativ schnell gutes Feedback und kann die eigenen Produkte oder Abläufe optimieren. Die Entscheidung international zu werden oder eben nicht, ist weitreichend. Was sich aber ganz bestimmt kein Unternehmer leisten darf, ist die teilweise von Kritikern ins Feld geführte Naivität. Naivität und Blauäugigkeit schützt nicht vor teuren Rechtsstreitigkeiten. International ist die Konkurrenz größer, das Klima bei weitem eisiger, als in einem Nischenmarkt. Wer in der Nische bereits nicht besteht, wird das auch international nicht können – „Think Big“ hin oder her.
Ich habe mal irgendwann in irgendeinem interview mit irgendeinem Menschen der sich immerhin so gut damit auskennen musste, dass er interviewt wurde, gehört, dass es sehr wohl ein deutsches unternehmen gibt was es in die weltspitze geschafft hat: Jamba.
Juhu!
ich gebe dir recht, die deutsche gründerszene ist besser als ihr ruf. meiner meinung nach weichen die anforderungen des deutschen marktes teilweise mehr oder weniger stark von den internationalen ab. desshalb haben deutsche unternehmen schwierigkeiten zu expandieren, und desshalb haben ausländische unternehmen schwierigkeiten in deutschland.
[...] eine generelle Innovationsphobie zu unterstellen finde ich im Übrigen nicht gut, zumal Marko ja hier auch schon darüber berichtet hat, dass dies keinesfalls so ist. Angst vor neuem gibt es überall. Unsinnig finde ich es allerdings [...]
Vielen Dank für die Tipps. Man bedenke auch, das auch die Nischen Dienstleitungen wachsen, nicht nur Bereiche im Verkauf.
[...] dem globalen Markt zu bestehen. Ich teile diese Ansicht nicht. Zum einen ist es unter Umständen gar nicht wünschenswert über einen bestimmten lokalen Radius hinauszuwachsen. Zum anderen macht es auch nicht immer sinn. [...]