Warum wir eine Kulturflatrate brauchen

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Warum wir eine Kulturflatrate brauchen

Marcel Weiss hat kürzlich dargelegt Warum eine Kulturflatrate desaströs wäre. Da ich das für unfug halte hier ein paar Gedankengänge dazu.

Zunächst einmal sollte ich mein Verständnis einer Kulturflatrate erläutern. Dieses beinhaltet, die Abschaffung sämtlicher urheberrechtlichen Fragen hinsichtlich des Kopierens, Wiederverwertens und Modifizierens aller von Menschen geschaffener Inhalte. Unabhängig davon, ob es sich um Bilder, Texte, Videos, Musik oder sonstige Formate handelt.

Das Problem ist in etwa folgendes: Das Filesharing hat der Welt eine ungeahnte Kriminalitätsrate beschert, weil es gemäß geltender Gesetze verboten ist Kopierschutzmechanismen zu umgehen und urheberrechtlich geschützes Material ohne die Erlaubnis der Urheberrechtsinhabers zu verbreiten. In den Hochzeiten des Filesharings waren etwa 40 Mio Amerikaner und eine mir nicht bekannte Menge von Nutzern aus aller Herren Länder damit beschäftigt fleißig Musik, Filmchen, etc. zu tauschen. Nehmen wir uns mal der einfachheit halber dem Amis an. 40 Mio. entspricht in etwa 10% der dortigen Bevölkerung. Halten wir also fest: das verhalten der Tauschbörsennutzer ist laut auch dort geltenden Gesetze kriminiell.

Wo liegt die Wurzel des Übels? In einer gesetzlichen Überregulierung. Wir müssen uns zunächst die Frage stellen aus welcher Ecke das Copyright stammt und was es bedeutet. Begrifflich gesehen, ist es das Recht Kopien von etwas anzufertigen und als solches war es auch konzeptioniert. Man wollte Verlage, zumindest für eine bestimmte Zeit, davor bewahren, dass die von ihnen gedruckten Werke einfach von anderen Verlagen kopiert werden konnten. Jemand der ein Buch kaufte konnte damit allerdings anstellen, was er wollte. Er konnte es weiterverkaufen, er konnte es abschreiben, verleihen oder sonst was damit anstellen.

Die repräsentation dessen finden wir zumindest im Deutschland im Recht auf die Privatkopie. Wenn ich mir eine CD kaufe, darf ich diese für meine Zwecke kopieren. Wenn die CD mit einem “wirksamen” Kopierschutz versehen ist, darf ich es widerum nicht, aber das ist eine andere Sache. Hier müsste mir allerdings jemand erklären, was denn ein “wirksamer” Kopierschutz sein soll. Aus meiner sicht der Dinge ist ein kopierschutz der Umgangen werden kann niemals, unter keinen Umständen, never ever wirksam.

Wie dem auch sei. Was der einzelne mit dem von ihm erworbenen Kulturgütern getrieben hat war eigentlich nicht geregelt. Mix it Baby. Es hat niemanden gestört, wenn man für seine besten Freunde eine hübsche kleine CD mit ein paar Lieblingstiteln gemixt hat. Jedenfalls nachdem sich die aufregung der Urheberrechtsinhaber über die Erfindung des Kassettenrekorders und später über die Erfindung des Videorekorders gelegt hatte. Zwischendurch hatten doch allenernstes irgendwelche amerikanischen Gerichte gesagt, Sony sei für die Urheberrechtsverletzung durch seine Videokassetten haftbar zu machen. Naja, irgendwie hat man sich wohl darauf verständigt, dass man einfach auf alle zur Speicherung von Audio und Videodateien geeigneten Datenträger eine zwangsteuer legt, die den Urherberrechtsinhabern zukommen soll. Wo die Ankommt ist mir zwar ein Rätsel, aber letzlich interessiert es mich auch nicht. Die Regelung ist nunmal vorhanden.

Ich zahle also mit dem Erwerb einer Festplatte, eines MP3 Sticks oder eines Rohlings eine Urheberrechtsabgabe. Berechtigt mich das dazu auf diese auch kopierte Musik zu speichern? Wohl kaum. Bei einer CD-R könnte man noch in die Versuchung geraten zu sagen: Ja, das geht in Ordnung. Er klaut sich ein bisschen Musik und speichert diese auf einem nicht überschreibbaren Medium. Bei Festplatten verhält sich die Sache schon wieder ganz anders. Ich kann beliebig oft meine Musik, Filme, etc. löschen. Eigentlich ist genau dieser Umstand auch Sinnvoll, denn die wenigsten wollen ein großes Archiv an Filmen oder sonstigem Pflegen. Ein Archiv entsteht meistens trotzdem. Üblicherweise ein ungepflegtes. Aber machen wir uns mal nichts vor: in der Regel gibt es keinen Grund sich einen Film 10.000 Mal anzusehen. Ebenso liegt es in der Natur der Sache, das die “Lebensdauer” eines Liedes beschränkt ist. Der Großteil dessen, was uns die sogenannte Kulturindustrie zu bieten hat ist Müll. Und dennoch ist es bestandteil unserer Kultur. Ein Bestandteil der nach sinnvollen fristen ins gemeingut übergehen muss. Ich bin kein Linker Spinner, aber es gibt ein paar besorgniserregende Fakten. Die Meisten veröffentlichten Bücher auf diesem Planeten sind nach einem Jahr nicht mehr zu beschaffen. Bei Audiodateien und Filmen ist die halbwertzeit etwas länger, aber nicht wesentlich.

Da unsere Institutionen leider nicht dazu in der Lage sind, den Traum von der Bibliothek von Alexandria war zu machen und sämtliche von Menschen geschaffenen Inhalte zu Archivieren und nach endlichen Fristen, automatisch der gesamten Menschheit zugänglich zu machen, muss es mindestens dem einzelnen ermöglicht werden eigene Archive seiner Identität zu pflegen. Um zu wissen was die Wurzeln meiner Identität, oder wenn man so will, Menschlichkeit sind, benötige ich einen möglichst umfassenden Zugriff auf die Vergangenheit der Menschheit. Der Hauptgrund warum das ganze scheitert ist die rechtliche unsicherheit in diesem Sektor. Ich kann mir ja noch nichtmal sicher sein ob ich gerade irgendein gesetzt breche, wenn ich ein Musikstück, dass ich vorher im Laden gekauft habe mit einem CD-Laufwerk, das ohne mein wissen einen Kopierschutz umgeht. Gelinde gesagt ist dieser Umstand zum kotzen. Was ist wenn jemand auf Basis zweier bestehender Werke etwas ganz neues schafft? Früher war dieser Umstand nicht reguliert. Heute ist er vermutlich illegal. Aber wer weiß das schon so genau. Ich habe ja noch nichteinmal eine reelle chance herauszufinden, wer der Urheberrechtsinhaber eines bestimmten Werkes ist. Nur weil ich ein Buch aus den 30er Jahren habe, weiß ich nicht wer jetzt die Rechte daran besitzt. Und ich will verdammtnochmal die Rechtssicherheit.

Es muss ja nicht, wie Herr Weiss sagt, in einer Zwangssteuer und dem Ende der Netzneutralität gipfeln. Aber ich würde gern freiwillig bezahlen, von mir aus auch 20 Euro oder mehr im Monat und dann muss diese Sache aber auch ein für alle Mal vom Tisch sein. Und sie sollte natürlich nicht dazu führen, dass irgendein minderbemittelter Anwalt eines Medienriesen auf die Idee kommt, die Frage zu stellen, wie groß denn der Anteil, der Musikstücke von EMI, oder sonst wem ist. Wie schon viele andere vor mir gesagt haben: der Zugang zu Informationen muss frei sein. Der Zugang zu Kultur muss frei sein. Und der Zugang zu Bildung muss frei sein. Und wenn jetzt jemand sagt 20 Euro sind aber nicht frei, dann soll er eben einen Antrag stellen. Wenn sich einer die Kultur und/oder Bildung nicht leisten kann dann soll der Staat eben dafür aufkommen. Und um das nochmal zu betonen. Ich bin kein Linker Spinner. Und ich bin definitiv gegen die Ausweitung des Sozialstaates. Aber es gibt gewisse Dinge die nunmal dazu beitragen, mündige und vernünftige Menschen zu Formen. Und dies muss genauso gewährleistet sein, wie eine vernünftige Verkehrsinfrastruktur.

Und jetzt bin ich vermutlich wieder viel zu politisch geworden. Aber dieser Text hat trotzdem seine Existenzberechtigung. Übrigens ist es ein Text in der Beta-Phase. Ich nehme an, dass ich ihn noch ein paar Mal überarbeiten werde. Bis es soweit ist, kann ich behaupten, er vertritt meine zugegebenermaßen teilweise recht extreme Meinung ganz gut.

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